{"id":328,"date":"2013-02-22T10:24:10","date_gmt":"2013-02-22T10:24:10","guid":{"rendered":"http:\/\/igt-ag.ch\/?page_id=328"},"modified":"2018-04-28T00:33:53","modified_gmt":"2018-04-28T00:33:53","slug":"testseite","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/igt-ag.ch\/?page_id=328","title":{"rendered":"Projekt Emys"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Blick zur\u00fcck<\/h3>\n<p>Das Vorkommen der Europ\u00e4ischen Sumpfschildkr\u00f6te (<em>Emys orbicularis<\/em>, LINNAEUS 1758) im Kanton Aargau besch\u00e4ftigte schon fr\u00fch namhafte Naturkenner, wie zum Beispiel den Aargauer Naturforscher Dr. Fischer-Sigwart. In einem Artikel des Zofinger Tagblattes schrieb er im Juli 1902 unter anderem: &#8222;Man glaubt vielfach, die Schildkr\u00f6te komme nur in w\u00e4rmeren L\u00e4ndern vor, und diejenigen Exemplare, welche man bei uns findet, seien solche, welche den Menagerien und den Italienerbuben, die sie zur Schau herumtragen, entlaufen seien. Nichts ist unrichtiger&#8220;. Seine Meinung untermauerte er bereits 1893 in einer sehr ausf\u00fchrlichen und fundierten Publikation, in welcher er auf Fundorte in der Schweiz verwies, an denen vermehrt Tiere gefunden wurden. So waren es allein bei Zofingen an die 25 Exemplare. An einem weiteren Standort, dem Inkwilersee, waren die Sumpfschildkr\u00f6ten derart h\u00e4ufig, dass das &#8222;Fischen mit &#8222;Wartlaufen&#8220; verunm\u00f6glicht sei. Auch s\u00e4he man im Sommer oft etwa thalergrosse Junge, \u2026&#8220;. Fischer-Sigwart (1893) f\u00fcgte jedoch auch an: &#8222;Herr Bernhard hat damals f\u00fcnf gew\u00f6hnliche, k\u00e4ufliche, also kleinere Tiere eingesetzt&#8220; und kommt am Ende zum Schluss: &#8222;Trotz allem dem, \u2026 kann die Frage, ob Schildkr\u00f6ten in der schweizerischen Hochebene endemisch, dass heisst wirklich wild vorkommen, ob sie \u00fcberall k\u00fcnstlich eingesetzt worden und sich sp\u00e4ter vermehrt haben, oder ob alle Funde zuf\u00e4llig seien und von entlaufenen herr\u00fchren, noch nicht endg\u00fcltig entschieden werden&#8220;. Dieser Satz k\u00f6nnte genauso gut in einer heutigen Publikation stehen. Seit dem Artikel sind mehr als hundert Jahre vergangen, die Fragen blieben ungel\u00f6st.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Aspekte des Vorkommens wurden in letzter Zeit zum Teil sehr kontrovers und oft auch ohne fundierte Sachkenntnis diskutiert. Auch eine in den Jahren 1987-1990 durchgef\u00fchrte Bestandesaufnahme der aargauischen Reptilien brachte keine Kl\u00e4rung (DU\u0160EJ &amp; BILLING, 1990). Aufgrund vieler Einzelbeobachtungen, die eher zuf\u00e4llig schienen, wurde die Art als &#8222;vermutlich ausgestorben&#8220;, versehen mit einem Fragezeichen, betitelt. Seit dem Inventar war jedoch bekannt, dass an mindestens einem Fundort die Beobachtungen regelm\u00e4ssig waren und sich dort mehr als nur Einzeltiere aufhielten. Ob und in welchem Ausmass sich die besagte Population vermehren konnte, blieb im Dunkeln. Im Allgemeinen ging man davon aus, dass es in der Nordschweiz keine oder nur in sehr geringem Masse \u00fcberlebensf\u00e4hige Best\u00e4nde gab. F\u00fcr das Verschwinden der Art wurden haupts\u00e4chlich die Klimaver\u00e4nderung sowie das Verschwinden von geeigneten Biotopen in Erw\u00e4gung gezogen (siehe auch W\u00dcTHRICH 2002). Den Wendepunkt in der &#8222;Aff\u00e4re&#8220; brachten neuere Recherchen. Hans Peter Schaffner, der sich seit Jahren mit dem Thema besch\u00e4ftigt (SCHAFFNER 1999, KOLLER 2001) konnte durch seine Brutexperimente im Freiland zeigen, dass unter bestimmten Gegebenheiten eine erfolgreiche Reproduktion stattfinden kann (SCHAFFNER 2002). Weitere Beobachtungen im Freiland, vor allem durch Mosimann (W\u00dcTHRICH 2002), aber auch durch Naturkenner in der Nordschweiz (Thurgau, Aargau etc.) liessen die Vermutung aufkommen, es g\u00e4be in der Schweiz doch noch Restpopulationen, die sich vermehren k\u00f6nnten. Fast gleichzeitig, im Sommer 2001, wurde von einem Schuljungen aus einem See im Kanton Aargau etwa ein halbes Dutzend Sumpfschildkr\u00f6ten gefangen und zu Ruth Huber, der Pr\u00e4sidentin der IG Schildkr\u00f6tenfreunde Aargau gebracht. Eine Begutachtung von Hans Peter Schaffner brachte es an den Tag, die Tiere k\u00f6nnten durchaus aus einem (Rest-) Wildbestand stammen. Dies war die Geburtsstunde der &#8222;Arbeitsgruppe Emys Aargau&#8220;, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Situation zu kl\u00e4ren und mit m\u00f6glichst fundierten Kenntnissen unseren Lieblingen &#8222;auf die Beine zu helfen&#8220;. Doch welche Best\u00e4nde sollen gef\u00f6rdert werden? Gibt es noch urspr\u00fcngliche Populationen, wo leben diese, welche Tiere w\u00e4ren f\u00fcr ein gezieltes Zuchtprogramm geeignet?<\/p>\n<h3>Momentane Situation<\/h3>\n<p>Im Kanton Aargau geniesst der Reptilien- und Naturschutz eine lange Tradition. Gut eingespielte Teams arbeiten unerm\u00fcdlich an der Verbesserung von Lebensr\u00e4umen. Einer der Schwerpunkte ist die F\u00f6rderung von Auen- und Moorgebieten. Besonders im Reusstal haben die Sektion Natur- und Landschaftsschutz des Kantons Aargau, Pro Natura Aargau sowie die Stiftung Reusstal viel erreicht. Zahlreiche Lebensr\u00e4ume wurden aufgewertet, vernetzt oder neu erschaffen. Die Qualit\u00e4t, Anzahl und Gr\u00f6sse einiger Schutzobjekte eignen sich hervorragend f\u00fcr den Schutz und die F\u00f6rderung seltener und stark bedrohter Tiere, so auch der Europ\u00e4ischen Sumpfschildkr\u00f6te.<\/p>\n<p>Bevor jedoch konkrete Projekte realisiert werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen die Rahmenbedingungen m\u00f6glichst genau festgelegt werden. Dazu geh\u00f6ren vordringlich folgende Abkl\u00e4rungen: (1) welche Gebiete kommen f\u00fcr F\u00f6rderungsprogramme in Frage? (2) gen\u00fcgen die klimatischen und biotischen Bedingungen? (3) gibt es noch einheimische Best\u00e4nde?<\/p>\n<p>In einem ersten Schritt wurden Schutzgebiete bezeichnet, in denen man davon ausgehen konnte, dass die Umweltbedingungen einem F\u00f6rderungsprogramm gen\u00fcgen d\u00fcrften (Abb.3). In Absprache mit den kantonalen Beh\u00f6rden wurden in verschiedenen Gebieten Temperaturmessger\u00e4te (Data-Logger) vergraben. Aus den Daten k\u00f6nnen R\u00fcckschl\u00fcsse gezogen werden, ob Bodentemperaturen Naturbruten \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen. In einem weiteren Schritt wurden einigen Schildkr\u00f6ten genetische Proben (Krallenspitze) entnommen, um ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu den aktuell anerkannten Unterarten zu testen. Hier geht es vor allem darum &#8222;fremde&#8220; Genotypen auszuschliessen und festzustellen, ob \u00fcberhaupt und welche Tiere f\u00fcr ein F\u00f6rderungsprogramm geeignet w\u00e4ren. Inzwischen konnten mehr als 20 Exemplare aus dem AG &#8222;akquiriert&#8220; werden, darunter auch Museumstiere aus der \u00c4ra Fischer-Sigwart (Abb. 1). Die genetische Untersuchung ist aufw\u00e4ndig und nicht ganz billig.<\/p>\n<p>Besonders erfreulich in diesem Zusammenhang ist es, dass die Arbeitsgruppe auf die kompetente Unterst\u00fctzung von Dr. Urs Utiger vom Zoologischen Museum Z\u00fcrich z\u00e4hlen kann und dass verschiedene Institutionen bereits eine finanzielle Unterst\u00fctzung zugesichert haben. Noch ist nicht die gesamte Finanzierung gesichert, weshalb die IGT und die SIGS ebenfalls um eine Unterst\u00fctzung angefragt wurden.<\/p>\n<h3>Ein Blick in die Zukunft<\/h3>\n<p>Die &#8222;Arbeitsgruppe Emys Aargau&#8220; hofft, mit m\u00f6glichst geringem Aufwand Licht in die verworrene Situation der Aargauischen Sumpfschildkr\u00f6ten zu bringen. Das Ziel der Untersuchung ist es festzustellen, ob die im Aargau vorkommenden Tiere einer einheimischen oder einer fremden Unterart angeh\u00f6ren. Dies l\u00e4sst sich anhand des Erbgutes feststellen. Gegenw\u00e4rtig geht man davon aus, dass die Nominatrasse (E. o. orbicularis) als einheimisches Taxon in der Nordschweiz anzusehen ist. Diese Unterart l\u00e4sst sich jedoch in weitere, sogenannte Haplotypen aufteilen, die sich anhand ihres Erbgutes unterscheiden. Ein Idealfall w\u00e4re, wenn sich mittels genetischer Analyse einheimische Tiere identifizieren liessen und man somit von einer &#8222;Grundpopulation&#8220; ausgehen k\u00f6nnte, mit der man weiter Best\u00e4nde aufbauen, beziehungsweise st\u00fctzen k\u00f6nnte. Weniger erfreulich w\u00e4re es, wenn die untersuchten Best\u00e4nde aus verschiedenen Herkunftsl\u00e4ndern stammten und somit der Charakter einer allf\u00e4lligen autochthonen (einheimischen) Population &#8222;verw\u00e4ssert&#8220; w\u00e4re. Noch schlimmer w\u00e4re es, wenn gar keine urspr\u00fcngliche Tiere gefunden w\u00fcrden. Je nach Ausgang der Untersuchung, wird man mit konkreten F\u00f6rderungsprogrammen beginnen k\u00f6nnen oder aber eine neuerliche Standortbestimmung durchf\u00fchren m\u00fcssen. Es lohnt sich, die k\u00fcnftigen Schritte sorgf\u00e4ltig zu planen und nichts zu \u00fcberst\u00fcrzen. Noch haben wir die Chance, eine m\u00f6glicherweise verschollene Art wiederzuentdecken!<\/p>\n<p>Text: Goran Dusej<\/p>\n<p>Dieser Artikel ist erstmals erschienen im TESTUDO (SIGS), 11(4), Dezember 2002<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>DU\u0160EJ, G. &amp; H. BILLING (1991): Die Reptilien des Kanton Aargau &#8211; Verbreitung \u00d6kologie und Schutz. &#8211; Mitt. Natf. Ges. Aargau Bd. 33. Sauerl\u00e4nder, Aarau.<\/p>\n<p>FISCHER-SIGWART, H. (1893): Die Europ\u00e4ische Sumpfschildkr\u00f6te (Emys lutaria Marsili). Ihr Vorkommen in der schwei-zerischen Hochebene und ihr Leben im Aquarium und im Terrarium. &#8211; Sonder-abdruck aus der Zeitschrift &#8222;Der Zoolo-gische Garten&#8220;. Frankfurt a. M.<\/p>\n<p>FISCHER-SIGWART, H. (1902): Artikel im Zo-finger Tagblatt (Nr. 152): 1.<\/p>\n<p>KOLLER, H. (2001): Emys-Projekt. &#8211; SIGS Info 10(2): 31-32.<\/p>\n<p>SCHAFFNER, H. P. (1999): Gedanken zur Europ\u00e4ischen Sumpfschildkr\u00f6te (Emys orbicularis) in der Schweiz. &#8211; SIGS-Info 9(1): 30-32.<\/p>\n<p>W\u00dcTRICH, F. (2002): Die Europ\u00e4ische Sumpfschildkr\u00f6te (Emys orbicularis, Linnaeus 1758) in der Schweiz. &#8211; Testudo (SIGS), 11(3): 5-7.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-346\" title=\"Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis1\" src=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis1.jpg\" alt=\"\" width=\"698\" height=\"524\" srcset=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis1.jpg 698w, https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis1-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 698px) 100vw, 698px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-347\" title=\"Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis2\" src=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis2.jpg\" alt=\"\" width=\"698\" height=\"524\" srcset=\"https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis2.jpg 698w, https:\/\/igt-ag.ch\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Sumpfschildkr\u00f6te_Emys_orbicularis2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 698px) 100vw, 698px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blick zur\u00fcck Das Vorkommen der Europ\u00e4ischen Sumpfschildkr\u00f6te (Emys orbicularis, LINNAEUS 1758) im Kanton Aargau besch\u00e4ftigte schon fr\u00fch namhafte Naturkenner, wie zum Beispiel den Aargauer Naturforscher Dr. Fischer-Sigwart. 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